Ein Gewerkschaftsverband entstand

In der DDR gab es eine Gewerkschaft. Eine Einheitsgewerkschaft. Sie nannte sich „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ – FDGB. Sie war demnach ein Bund aus Industrie - (IG) und Einzelgewerkschaften, wie z.B. der GUE (Gewerkschaft Unterricht und Erziehung). Die Aufgabenstellung innerhalb der sozialistischen Gesellschaft war im Grunde schizophren: Die Produktionsmittel waren angeblich in den Händen der Arbeiterklasse als herrschenden Klasse. Nach dem Verständnis der sich selbst ernannten Volksvertreter mussten die Gewerkschaften die Interessen der herrschenden Klasse gegenüber sich selbst vertreten. In der DDR hieß es „Volkseigentum“, in den anderen sozialistischen Staaten korrekter „Staatseigentum“.

 
Wenn man nicht als Staatsfeind gelten wollte, musste man in der DDR Mitglied der Gewerkschaft sein, der „freien“ Gewerkschaft. Man bezahlte seinen Mitgliedsbeitrag und die monatliche Solidaritätsmarke. Letztere war zwar freiwillig, aber je nach gesellschaftlicher Stellung und dem Einwirken des staatlichen Leiters konnte man über die Höhe und das Obüberhaupt selten selbst bestimmen.
 
In der Gewerkschaft war man
  • weil man musste
  • weil es evtl. einen billigen Ferienplatz gab (aber Anspruch hatte man keinen)
  • weil es innerhalb der Gewerkschaftsgruppe ab und zu eine Zuwendung gab (Zuschüsse zu kulturellen Veranstaltungen, Brigadefeiern, Betriebsprämienfond)

Die Arbeit der Gewerkschaften beschränkte sich an der Basis auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz („Arbeits- und Lebensbedingungen“), hörte aber schon auf bei der Festlegung des Arbeitssolls und etwa gar der Tarife. Da war keine Kritik von unten erlaubt; sollte in einer der Gewerkschaftsversammlungen, die allerdings regelmäßig stattfanden und mit politischen Inhalten gefüllt waren, ein Mitglied mal seinen Unmut über die Entlohnung oder die Arbeitsbelastung sich gestattet haben zu äußern, fand er sich am nächsten Tag beim staatlichen Leiter zur Runderneuerung wieder.

All dieses wurde zentralistisch auf höchster Ebene festgelegt und ohne jede Diskussion –vorher nicht und nachher nicht – eingeführt. Ausschlaggebend war die politische Linie.

Beispielsweise Honeckers Auffassung, dass der produktive Bereich der Wirtschaft das Nationaleinkommen schafft und demnach Anspruch auf höhere Vergütungen der Arbeitsleistungen hat als der nichtproduktive Bereich. So blieben u.a. die Lehrer oder das mittlere medizinische Personal immer mehr hinter den Löhnen der Produktionsarbeiter zurück.

Laut Statistischem Jahrbuch der DDR (Jahrgänge der 80er Jahre) lagen die Arbeitseinkommen der Lehrer im unteren Teil des mittleren Drittels, also unterhalb der Mitte der Einkommensskala der DDR. Die niedrigen Einkommen des mittleren medizinischen Personals hat man damit „aufgebessert“, in dem dieser Klientel eine aufgestockte Rente zugesichert wurde.

Das traf auch für Lehrer und Lehrerinnen sowie Erzieherinnen und Erzieher zu, die sich damit trösteten, im Alter eine höhere, durch Urkunde verbriefte Zusatzversorgung zu erhalten, die ihnen die Beibehaltung ihres bescheidenen Lebensstandards sichern konnte.

Das waren alles in Gesetzestexte gegossene Anordnungen, die keinesfalls durch gewerkschaftliche Einflussnahme zustande gekommen waren. Sie waren immer Bestandteil politischer Strategie. So wie schon Walter Ulbricht in Zeiten größter Wohnungsnot den Lehrern ein Arbeitszimmer im Wohnraumdeputat zugestand. Die Gründe dafür und die Verwirklichung stehen auf einem anderen Blatt.

Die Berufsschullehrer der Betriebs-(berufs)schulen waren in den entsprechenden IGs organisiert, zu denen die Betriebe gehörten, lediglich das Lehrpersonal der Kommunalen Berufsschulen (KBS) war in der GUE organisiert. Da es aber sowieso keine sach- und interessenspezifischen Aktivitäten in den Gewerkschaften gab, war das ohne Bedeutung.

Im November 1989 zeichnete sich ab, dass eine NDDR („neue“DDR, später als „Noch-DDR“ interpretiert) entstehen könnte. Es gab jetzt eine Volkskammer, in der nicht mehr 100% Ja sagten; es etablierten sich trotz Widerständen neue Parteien mit neuen Köpfen, die voller Ideen waren. Zu dieser Zeit gab es niemand, der an eine Wiedervereinigung dachte, Vorstellungen von einer Konföderation war eine der Möglichkeiten.

Die Euphorie des Aufbruchs zu Neuem, Besseren kam bei vielen nicht erst mit der Aussicht auf Wiedervereinigung oder Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, sondern mit dem äußerlichen Zusammenbruch des alten SED-Machtapparates. Heute wissen wir zwar, dass die alten Betonköpfe die Kalaschnikows noch lange nicht aus der Hand gelegt hatten und weiter vom Sieg über den Klassenfeind träumten, auch die Internierungslager immer noch im Plan waren.

Die Strukturen blieben auch nach wie vor bestehen. Am Beispiel meiner Schule: Es gab zwar neue Gewerkschaftswahlen, bei denen z.B. ich zum Vertrauensmann gewählt wurde, aber weiterhin blieben wir in der IG Bau-Holz. Dass zu keiner Zeit es von Vorteil sein kann, dass die Pädagogen einer Schule in einer Industriegewerkschaft organisiert sind, wird aber wohl einleuchten. Es hätte sich gewiss die Chance ergeben, dass die GUE unter dem Aspekt >alle Lehrerinnen und Lehrer in eine Gewerkschaft< den Vorstoß auf eine Veränderung in der Gewerkschaftslandschaft unternommen hätte. Aber Berufsschulen lagen in keiner Weise im Blickfeld der GUE; die KBS war ein unverstandenes Anhängsel.

Da sich die Ereignisse überschlugen, passierte es auch, dass Anfang 1990 westdeutsche Lehrerverbände und -gewerkschaften Morgenluft witterten und den ostdeutschen Pädagogen klar zu machen versuchten, wo es lang zu gehen hat.

Die westdeutsche GEW war dabei nicht zimperlich und trat in einem Verdrängungskampf mit der GUE auf dem Boden der DDR. In Scharen verließen die GUE-Mitglieder ihre Gewerkschaft und liefen zur GEW über. Sie wurden sofort als langjährige Mitglieder eingegliedert, und deshalb werden heute GEW-Mitglieder, in der ehemaligen DDR Mitglied der GUE, für 25- oder 40jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet.

Zum anderen wurde frühzeitig in Thüringen schon wegen seiner geographischen Nähe der BLLV aktiv.

Gewerkschaftliche Transformation 1989/90:
Auf der ao. ZDK am 24./25.2.1990 in Bernau erklärte sich die Gewerkschaft zur unabhängigen Organisation, die unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit im Gewerkschaftlichen Dachverband mitarbeitete. Sie beschloss die vorläufige Satzung sowie ein umfassendes Aktionsprogramm und wählte den Vorstand. Die Gewerkschaft strebte eine Kooperationsgemeinschaft mit den Gewerkschaften des DGB an. Die Konkurrenz zwischen GEW und ÖTV um die Gewinnung der Mitglieder verhinderte eine eindeutige Option auf eine DGB-Gewerkschaft und damit eine Intensivierung der Zusammenarbeit. Sowohl die GEW als auch die ÖTV entschieden sich im Mai 1990 für den Aufbau eigener Strukturen in der DDR.
Auf der Landeskonferenz am 20.10.1990 beschloss die Gewerkschaft ihre Auflösung zum 31.10.1990. Es gab keine eindeutige Option für den Übertritt der Mitglieder in eine DGB-Gewerkschaft. Nach Angaben der GEW waren ihr bereits bis zum Auflösungskongress 70 000 Mitglieder der Gew. U.u.E. beigetreten.
Das gewerkschaftliche Vermögen wurde durch die Liquidatoren der Gew. U.u.E. verwaltet und vor allem für die Fort- und Weiterbildung der Lehrer und Erzieher in den neuen Bundesländern eingesetzt. Die vom Auflösungskongress beschlossene Stiftung "Bildung-Erziehung" kam nicht zustande, da das Stiftungsvermögen von der Treuhandanstalt nicht freigegeben wurde. Das Restvermögen der Gew. U.u.E. i. L. soll daher dem unabhängigen Förderverein "Initiative Bildung e. V." übertragen werden, der bereits seit der Auflösung der Gew. für seine gemeinnützigen Zwecke gefördert werden, die im Wesentlichen denen der geplanten Stiftung entsprechen. Die von der Landeskonferenz beschlossene Bewirtschaftung einer Reihe von Immobilien durch die am 18.9.1990 gegründete GUE Ferieneinrichtungen GmbH wurde ihr ebenfalls von der Treuhandanstalt entzogen. Die GmbH
ging darauf in Liquidation, wurde als INIB Gesellschaft für Bildungsmanagement und berufsbegleitende Fortbildung mbH als Bildungsträgen neu aufgebaut, konnte aber keine Wirtschaftlichkeit erreichen und wurde vermögenslos an private Investoren verkauft.
 
Gewerkschaft Unterricht und Erziehung GUE (1946-90).
Organisationsbereich: Beschäftigte in Schulen, Kindergärten, Jugendeinrichtungen, pädagog. Ausbildungseinrichtungen.
Organisationsentwicklung: Die Gewerkschaft wurde als Gew. der Lehrer und Erzieher mit der ZDK vom 13./14.6.1946 in Berlin-Köpenick die Gew. 18 im FDGB der SBZ. Sie hatte im Juni 1946 44 392 Mitglieder (1,6% der Mitgliedschaft des FDGB).
Entsprechend dem Beschluss der ao. ZDK vom 6./7.2.1951 wurde sie im Juli 1951 in Gew. U.u.E. umbenannt. Die Gewerkschaft bildete GO in den größeren pädagog. Einrichtungen sowie BGL in den Kreisen für die Beschäftigten der Schulen und Kindergärten und verzichtete zunächst auf die Einrichtung von KV. Erst in den 80er Jahren wurden die BGL in den Kreisen zu KV umgebildet. Die Gewerkschaft gehörte der Internationalen Vereinigung der Gewerkschaften der Lehrer und Erzieher (FISE) im WGB mit Sitz in Berlin an.
Im Jan. 1989 hatte die Gewerkschaft 574 913 Mitgl. (6% der Mitgliedschaft des FDGB).
 
Quelle: FDGB-Lexikon 2009

 

Zunächst muss etwas gesagt werden zur völligen Unkenntnis über die bundesdeutsche Verbandslandschaft im Bereich der Lehrervertretungen. Sowohl die Vielfalt der Strukturen, die Bedeutung der Verbände, ihre Zuordnung waren gänzlich unbekannt. Umso leichteres Spiel hatten die westdeutschen Verbände auf ihrer neuen Spielwiese.

Der BLLV (Bayrischer Lehrerinnen und Lehrer Verband) hatte nicht nur den Vorteil, gleich hinter der offenen Grenze wirksam werden zu können, er hatte dazu auch noch sehr engagierte Mitglieder, der   pensionierte StR Habermann, oberfränkischer Bezirks-Ehrenvorsitzender und BLLV-Landesbeauftragter für Kontakte in der DDR wurde direkt vom Verband für Aufgaben abgestellt und versah seinen Auftrag im Süden Thüringens bis hinauf nach Jena mit enormer Energie. Keine Veranstaltung des BLLV – und später gemeinsam mit dem TLV – auf der Siegfried Habermann fehlte und nicht im Präsidium saß.

Dass der BLLV ein Landesverband des VBE (Verband Bildung und Erziehung) ist, der an sich bundesweit die Lehrerinnen und Lehrer an der Primar- und Sekundarstufe I vertritt, war uns nicht bekannt. Er gab sich als „Verband für alle Lehrer“ aus und hatte auch einen schönen Aufkleber fürs Auto mit (mit dem ich dann auch gutgläubig an meinem Trabbi Werbung fuhr).

Nach unserem 40 Jahre lang erworbenen Verständnis von der Einheitsgewerkschaft für alle war das plausibel. Mit starker Unterstützung des BLLV wurde dann auch am 19.Mai 1990 in Erfurt der TLV (Thüringer Lehrerverband) gegründet, nach dem beispielsweise in Rudolstadt (vor Saalfeld) und Saalfeld (3. Februar 1990) Gründungsversammlungen vorausgegangen waren. Der TLV sollte für alle offen sein, „für alle Lehrer“ hieß es und alle, alle kamen! „Gemeinsam sind wir stark!“ war damals der zugkräftige Slogan, genährt auch durch die Furcht vieler, die nicht wussten, was auf uns zukommt.

Nun sind diese Kolleginnen und Kollegen Berufspädagogen meist heute noch dort, entweder haben sie ihren Irrtum nicht bemerkt oder sie fühlen sich trotzdem gut aufgehoben, aus welchen Gründen auch immer.

Die GEW brauchte sich für die Mitgliedergewinnung nicht allzu viel Mühe zu geben: Sie übernahm die GUE-Mitglieder zu Tausenden, da wurde nicht gefackelt trotz Widerständen der GUE, die dann bis zum Herbst 1990 70.000 ihrer Mitglieder verloren hatte, so dass sie aufgeben musste.

Die GEW ist die größte Bildungsgewerkschaft Deutschlands, der Ende 2008 rund 252.000 Mitglieder angehörten. Diese arbeiten in pädagogischen und wissenschaftlichen Berufen an Schulen unterschiedlicher Schulart, in Kindertagesstätten und Jugendheimen, an Hochschulen, wissenschaftlichen Instituten und Forschungseinrichtungen, an Volkshochschulen und anderen Einrichtungen der Weiterbildung sowie an Goethe-Instituten. In der Schule liegt der Schwerpunkt der Mitglieder an Grund-, Haupt- und Gesamtschulen, in den ostdeutschen Ländern auch an Gymnasien. (Wikipedia)
 
1990 gehörten der GEW rund 189.000 Mitglieder an. Die Mitglieder der Gewerkschaften der DDR "Unterricht und Erziehung" sowie "Wissenschaft" im FDGB wurden zum großen Teil in die GEW aufgenommen, so dass die Mitgliederzahl kurzfristig stark anstieg. Die GEW gilt seither als stark ostdeutsch orientierte Gewerkschaft, was sich 1997 in der Wahl von Eva-Maria Stange zur Bundesvorsitzenden niederschlug. Sie war die erste Ostdeutsche an der Spitze einer DGB-Gewerkschaft.

 

Wie wir sehen, die Voraussetzungen für die GEW waren denkbar günstig, sie hatte hauptamtliche Funktionäre, die finanziellen Mittel aus den westdeutschen Dachverbänden und der GEW-West, sowie aus der Verwendung des Vermögens der GUE.