Verbandsgeschichte

Günter Lederer

Die Geschichte des Thüringer Verbandes der Berufsschulpädagogen e.V.

Teil I: 1990 - 1991

 

Vorbemerkung

Diese Verbandsgeschichte wurde 20 Jahre nach seiner Gründung geschrieben, und sie wird auch der Abschluss der Geschichte des TVB sein, weil die Verschmelzung mit dem VLW bevorsteht. Es ist keine Chronologie, obwohl die zeitliche Abfolge im Groben eingehalten wurde.
Einmal halte ich es für bedeutsam, dass möglichst wenig in Vergessenheit gerät wie der Ablauf der Verbandsgründung vonstatten ging, aus dem vor allem auch immer wieder gegenwärtige, manchmal kaum noch erklärbare Erscheinungen abgeleitet werden können.
Und es muss gesehen werden, dass viele Wurzeln bereits im letzten Jahr der DDR, vor allem unter der Modrow-Regierung und de Maiziere sich zu neuen Sprossen entwickelten, die dann aber auch häufig wieder abgeknickt wurden oder abgeknickt werden mussten, weil der schnelle Beitritt zu wenig Zeit für reiflichere Überlegungen bot und das Überstülpen westdeutscher Bedingungen zu Einengungen führen musste.
D
as Gerangel und Konkurrenzgebaren der verschiedensten Verbände und Gewerk-schaften auf ostdeutschem Territorium um die bedeutendsten Einflüsse und höchsten Mitgliederzahlen war für die Verbandslandschaft keinesfalls förderlich und entsprach nicht im Geringsten meinem Gusto. Mir ging es immer um die Sache und ihre optimale Lösung.
Für mich ist es heute noch unverständlich und auch unverzeihlich, dass beispielsweise der BLLV (Bayrischer Lehrerinnen und Lehrerverband) in Kenntnis der Verbandslandschaft der altbundesdeutschen (und daher auch bayrischen) Lehrerverbände in Thüringen sich rigoros darüber hinwegsetzte, und mit allen Tricks versuchte, neben der GEW einen Einheitsverband für alle Lehrer zu etablieren. An den Folgen leiden wir – wenn auch im geringeren Maße – heute noch.
Völlig undenkbar wäre es, wenn es keinen eigenständigen Landesverband der Berufsschulpädagogen innerhalb des BLBS gäbe, sondern nur ein unscheinbares Referat im TLV, dessen Belange und Interessen jeweils von einer anderen Mehrheit überstimmt würden.
Natürlich ist das mit der „bunten Blumenwiese“, wie ein Journalist zu Beginn die Vielfältigkeit der Verbandslandschaft einmal verglich, so einfach auch nicht. Nicht nur, dass es in der Natur der Sache so ist, dass die zarten Blumenpflänzchen auf der Wiese sehr schnell von dem wuchernden Unkraut erdrückt werden und nach wenigen Jahren nicht mehr viel bunt blüht, es werden auch dann konzertierte Aktionen, wenn sie nötig sind- durch Konkurrenzdenken verhindert. Beides muss möglich sein: Differenziert, wenn es die Sache nicht anders zulässt und gemeinsam, wenn es erforderlich ist und die Interessen aller betrifft.
Jüngstes Beispiel dazu, das mir sehr zu denken gab, war die Unterschriftenaktion der Sozialverbände und –gewerkschaften der Bundesrepublik (Ver.di, GvP, Transnet, GEW, BRH, Volkssolidarität, SoVD), die sich zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen haben, um die gerechte Rentenangleichung in den neuen Bundesländern durchzusetzen. Im Grunde wurde dieses Vorhaben zum Flop (ca. 60.000 Unterschriften bei mehreren Millionen Betroffenen innerhalb eines halben Jahres!), weil die Beteiligten sich nach wie vor nicht grün sind. Als ich in Bamberg zum 23.Dt.Berufsschultag den TLV-Vorsitzenden um die Unterschrift bat, entgegnete er mir: „Wir lassen uns doch nicht vereinnahmen.“ Obwohl ich ihn darauf hinwies, dass auch der BRH als dbb-Mitglied mit von der Partie sei. Der BRH-Landesverband Thüringen antwortete erst gar nicht auf meine Anfrage, was da im Zusammenhang mit der Unterschriftenaktion getan werde.
Das gefällt natürlich den Politikern, zum Glück steht dann Kleinkariertheit gegen Glencheck und Pepita.
Ich beschränke mich auf die ersten beiden Jahre nach der Verbandsgründung. Vielleicht findet sich noch jemand, der die folgenden wichtigen Ereignisse und Aktivitäten auflistet. Dazu fehlen mir die Daten.
Berufsschultage, Vertreterversamm-lungen, personelle Besetzung der Vorstände, Statutänderungen, Klausurtagungen …

Ich habe Wert gelegt auf viele Faksimiles als Beweisstücke für unseren Werdegang. Hier muss man auch zwischen den Zeilen lesen (können).
Schon allein das Outfit der Dokumente, die Perlschrift der mechanischen Schreibmaschine mit den Tippfehlern und Korrekturen, die Unübersichtlichkeit, die Papierfarbe usw. haben uns lange begleitet und sind aber auch ein Maßstab für unsere Entwicklung.

Günter Lederer
ehem. Landesvorsitzender

Im März 2010

Dank

20 Jahre nach Gründung des Verbandes sei an dieser Stelle all derer gedacht, die in den ersten Monaten mit festem Standpunkt und uneigennütziger Hilfe den Aufbau des TVB ermöglichten.

Ich nenne hier:
Klaus Hauptmann, der mit einem festen und geradlinigen Standpunkt mich immer wieder auf den richtigen Weg brachte,
Bernd Sömmering, der die Finanzen übernahm und sein erstes „Westauto“ für dienstliche Fahrten zur Verfügung stellte,
Thilo Helms, der viel notwendige Kleinarbeit erledigte und immer die rechtlichen Maßstäbe im Auge hatte,
Tillmann Grödel, der unabhängig an seiner Schule eine Verbandsgründung vorangetrieben hatte, sich dann aber sofort uns zur Verfügung stellte und gemeinsam aktiv wurde.
Volker Rempke, den „Bildungspolitiker“,
Willy Ballay, der niemals „nein“ sagte, wenn Not am Mann war,
Ralf Überschaar, der die Informatik und Organisation in der Geschäftsstelle besorgte,
Jochen Eiling, der seine Region in und um Nordhausen aus ihrem Dornröschenschlaf erweckte und aktivierte,
Bärbel Bittner, die Unerschütterliche und treue Seele, die im Südwesten Thüringens den Anfechtungen des TLV trotzte,
Ulla Rempke, die das übernehmenswerte Modell Staatlicher Medizinischer Berufsbildender Schulen für Thüringen vertrat und sich für die bundesweite Einführung dieses Modells einsetzte.
Evelyn Thater, die von Anfang an immer zur Stelle war, wenn es um Verbandsaktivitäten ging und besonders im Raum Stadtroda/Hermsdorf dem TVB Ansehen verschaffte.

Viele sind jetzt – wie das immer bei Danksagungen so ist – nicht genannt. Ihnen sei versichert, dass sie alle ungemein wichtig waren und es vielleicht noch sind. Selbst der so genannte „Beitragszahler“ leistet einen bedeutenden Beitrag, die Aufgaben des Verbandes zu bewältigen.

Ohne die „Anschubhilfe“ der westdeutschen Verbandsmitglieder im BLBS und DL wäre der ehrenamtliche Aufbau des Verbandes unter DDR-Bedingungen nicht zu bewerkstelligen gewesen. Rat und Tat waren unabdingbar.

Es seien, mit besonderem Dank verbunden, zu erwähnen:

Josef Kraus, DL-Präsident, der nicht nur mit seinen „Münchner Seminaren“ und seiner Dokumentensammlung „Schule und Lehrerberuf in der Bundesrepublik Deutschland“, sondern auch speziell der richtigen Strukturierung der thüringer Verbandslandschaft und der Unterstützung der Gestaltung des Bildungswesens in Thüringen im Rahmen des Bildungsausschusses im Landtag wegweisend war.
Heinz Bader und Karl-Heinrich Hergert, beide kamen meist zusammen, weil sie nicht nur guten Rat im Gepäck hatten, sondern auch materielle Unterstützung: Schreibmaschine, Kopierer, Briefpapier mit Briefkopf, Mitgliedsausweise. Sie waren es auch, die ihre Erfahrung weitergaben: Ein Landesvorsitzender muss auch Schulleiter sein, sonst ist die ehrenamtliche Aufgabe nicht zu bewältigen.
Alfons Müller, der als Amtshilfe die Abteilung berufliche Bildung im Kultusministerium aufbaute und leitete. Im BLBS war er für das Versorgungsrecht zuständig. Dienst und Verband wusste er strikt zu trennen. Vor allem aber verstand er es, die bildungspolitischen Grundsätze des BLBS in Thüringen in die Tat umzusetzen. Das war für den TVB eine gute Grundlage.
Die Vorstandskolleginnen und -kollegen des Hessischen Landesverbandes, vertreten durch Uwe Schneider, die unsdie ersten Rahmenlehrpläne in größerem Umfang zur Verfügung stellten, bei der Verbreitung unserer ersten Verbandsinformationen durch Druck und Verteilung unterstützten und uns bei unserer Gründungsversammlung am 30 Juni 1990 „Händchen hielten“, nachdem die Länderpatenschaften endlich geklärt waren:
Der Vorstand unseres Schwesternverbandes Rheinland-Pfalz, mitdem wir uns in den folgenden Jahren besonders verbunden fühlten und der uns weiterhin mit Rat und Tat (1.Thüringer Berufsschultag, 1.Klausurtagung des TVB, 1. Vertreterversammlung, gegenseitige Einladungen) half.

Wer wurde namentlich nicht erwähnt? Keinesfalls wurde jemand vergessen. Wir wissen, dass es viele, viele Namenlose gibt, die auch in aller Bescheidenheit dem Verband ihre wichtige Hilfe leisteten. Alle sind in den Dank eingeschlossen.

Günter Lederer

Vorgeschichte


Mit der friedlichen Revolution im Herbst 1989, den Montagsdemonstrationen, der Öffnung der Berliner Mauer und der Grenze öffnete sich auch das Ventil angestauter Meinungen zu gesellschafts- und ebenso bildungspolitischenProblemen und Mängeln, die nicht offen geäußert werden durften.

 

Wo nahmen wir plötzlich den Mut her , sich jetzt mit einem Male über die Ängste hinwegzusetzen gegenüber den immer noch Mächtigen, die vierzig Jahre lang akribisch und bis ins kleinste Detail geplant und organisiert hatten, jede auch nur dem Anschein nach sich entwickelnde Revolte brutal im Keim zu ersticken?

 

Die geschichtliche Entwicklung hin zu einer deutschen Einheit war auch in den kühnsten Träumen zu dieser Zeit nicht abzusehen.

 

Trotzdem haben beispielsweise an meiner Schule auf meine Anregung hin 16 Lehrerinnen und Lehrer, fast das ganze Kollegium, ein Positionspapier unter der Überschrift „Auffassungen – Forderungen – Standpunkte“ formuliert, dass dem damaligen Bildungsministerium der DDR übermittelt wurde. Vorausgegangen waren einige Thesen zum Aushang im Lehrerzimmer, die eines Spätabends auf die Schnelle von mir niedergeschrieben wurden. Es war sicher einer der Keime, der für unsere künftigen Aktivitäten gelegt wurde.

 

Erst als auf den Montags-Demos statt dem „Wir sind das Volk“ ein „Wir sind ein Volk“ skandiert wurde, war die deutsche Einheit nicht mehr aufzuhalten. Und sie musste aufgrund der politischen Weltlage schnell vonstatten gehen. Der völkerrechtlich einmalige Vorgang der Vereinigung (oder des Beitritts) zweier souveräner Staaten mit dazu noch völlig unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen musste viele Mängel in sich bergen. Für die Aushandlung des Einigungsvertrages stand gerade mal ein Monat zur Verfügung! Aber leider wurden im Nachhinein kaum Korrekturen im Sinne des Geistes des Vertrages vorgenommen, sondern auffallend gegen die Ostdeutschen entschieden.

 

Ein Gewerkschaftsverband entstand

In der DDR gab es eine Gewerkschaft. Eine Einheitsgewerkschaft. Sie nannte sich „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ – FDGB. Sie war demnach ein Bund aus Industrie - (IG) und Einzelgewerkschaften, wie z.B. der GUE (Gewerkschaft Unterricht und Erziehung). Die Aufgabenstellung innerhalb der sozialistischen Gesellschaft war im Grunde schizophren: Die Produktionsmittel waren angeblich in den Händen der Arbeiterklasse als herrschenden Klasse. Nach dem Verständnis der sich selbst ernannten Volksvertreter mussten die Gewerkschaften die Interessen der herrschenden Klasse gegenüber sich selbst vertreten. In der DDR hieß es „Volkseigentum“, in den anderen sozialistischen Staaten korrekter „Staatseigentum“.

 
Wenn man nicht als Staatsfeind gelten wollte, musste man in der DDR Mitglied der Gewerkschaft sein, der „freien“ Gewerkschaft. Man bezahlte seinen Mitgliedsbeitrag und die monatliche Solidaritätsmarke. Letztere war zwar freiwillig, aber je nach gesellschaftlicher Stellung und dem Einwirken des staatlichen Leiters konnte man über die Höhe und das Obüberhaupt selten selbst bestimmen.
 
In der Gewerkschaft war man
  • weil man musste
  • weil es evtl. einen billigen Ferienplatz gab (aber Anspruch hatte man keinen)
  • weil es innerhalb der Gewerkschaftsgruppe ab und zu eine Zuwendung gab (Zuschüsse zu kulturellen Veranstaltungen, Brigadefeiern, Betriebsprämienfond)

Die Arbeit der Gewerkschaften beschränkte sich an der Basis auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz („Arbeits- und Lebensbedingungen“), hörte aber schon auf bei der Festlegung des Arbeitssolls und etwa gar der Tarife. Da war keine Kritik von unten erlaubt; sollte in einer der Gewerkschaftsversammlungen, die allerdings regelmäßig stattfanden und mit politischen Inhalten gefüllt waren, ein Mitglied mal seinen Unmut über die Entlohnung oder die Arbeitsbelastung sich gestattet haben zu äußern, fand er sich am nächsten Tag beim staatlichen Leiter zur Runderneuerung wieder.

All dieses wurde zentralistisch auf höchster Ebene festgelegt und ohne jede Diskussion –vorher nicht und nachher nicht – eingeführt. Ausschlaggebend war die politische Linie.

Beispielsweise Honeckers Auffassung, dass der produktive Bereich der Wirtschaft das Nationaleinkommen schafft und demnach Anspruch auf höhere Vergütungen der Arbeitsleistungen hat als der nichtproduktive Bereich. So blieben u.a. die Lehrer oder das mittlere medizinische Personal immer mehr hinter den Löhnen der Produktionsarbeiter zurück.

Laut Statistischem Jahrbuch der DDR (Jahrgänge der 80er Jahre) lagen die Arbeitseinkommen der Lehrer im unteren Teil des mittleren Drittels, also unterhalb der Mitte der Einkommensskala der DDR. Die niedrigen Einkommen des mittleren medizinischen Personals hat man damit „aufgebessert“, in dem dieser Klientel eine aufgestockte Rente zugesichert wurde.

Das traf auch für Lehrer und Lehrerinnen sowie Erzieherinnen und Erzieher zu, die sich damit trösteten, im Alter eine höhere, durch Urkunde verbriefte Zusatzversorgung zu erhalten, die ihnen die Beibehaltung ihres bescheidenen Lebensstandards sichern konnte.

Das waren alles in Gesetzestexte gegossene Anordnungen, die keinesfalls durch gewerkschaftliche Einflussnahme zustande gekommen waren. Sie waren immer Bestandteil politischer Strategie. So wie schon Walter Ulbricht in Zeiten größter Wohnungsnot den Lehrern ein Arbeitszimmer im Wohnraumdeputat zugestand. Die Gründe dafür und die Verwirklichung stehen auf einem anderen Blatt.

Die Berufsschullehrer der Betriebs-(berufs)schulen waren in den entsprechenden IGs organisiert, zu denen die Betriebe gehörten, lediglich das Lehrpersonal der Kommunalen Berufsschulen (KBS) war in der GUE organisiert. Da es aber sowieso keine sach- und interessenspezifischen Aktivitäten in den Gewerkschaften gab, war das ohne Bedeutung.

Im November 1989 zeichnete sich ab, dass eine NDDR („neue“DDR, später als „Noch-DDR“ interpretiert) entstehen könnte. Es gab jetzt eine Volkskammer, in der nicht mehr 100% Ja sagten; es etablierten sich trotz Widerständen neue Parteien mit neuen Köpfen, die voller Ideen waren. Zu dieser Zeit gab es niemand, der an eine Wiedervereinigung dachte, Vorstellungen von einer Konföderation war eine der Möglichkeiten.

Die Euphorie des Aufbruchs zu Neuem, Besseren kam bei vielen nicht erst mit der Aussicht auf Wiedervereinigung oder Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, sondern mit dem äußerlichen Zusammenbruch des alten SED-Machtapparates. Heute wissen wir zwar, dass die alten Betonköpfe die Kalaschnikows noch lange nicht aus der Hand gelegt hatten und weiter vom Sieg über den Klassenfeind träumten, auch die Internierungslager immer noch im Plan waren.

Die Strukturen blieben auch nach wie vor bestehen. Am Beispiel meiner Schule: Es gab zwar neue Gewerkschaftswahlen, bei denen z.B. ich zum Vertrauensmann gewählt wurde, aber weiterhin blieben wir in der IG Bau-Holz. Dass zu keiner Zeit es von Vorteil sein kann, dass die Pädagogen einer Schule in einer Industriegewerkschaft organisiert sind, wird aber wohl einleuchten. Es hätte sich gewiss die Chance ergeben, dass die GUE unter dem Aspekt >alle Lehrerinnen und Lehrer in eine Gewerkschaft< den Vorstoß auf eine Veränderung in der Gewerkschaftslandschaft unternommen hätte. Aber Berufsschulen lagen in keiner Weise im Blickfeld der GUE; die KBS war ein unverstandenes Anhängsel.

Da sich die Ereignisse überschlugen, passierte es auch, dass Anfang 1990 westdeutsche Lehrerverbände und -gewerkschaften Morgenluft witterten und den ostdeutschen Pädagogen klar zu machen versuchten, wo es lang zu gehen hat.

Die westdeutsche GEW war dabei nicht zimperlich und trat in einem Verdrängungskampf mit der GUE auf dem Boden der DDR. In Scharen verließen die GUE-Mitglieder ihre Gewerkschaft und liefen zur GEW über. Sie wurden sofort als langjährige Mitglieder eingegliedert, und deshalb werden heute GEW-Mitglieder, in der ehemaligen DDR Mitglied der GUE, für 25- oder 40jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet.

Zum anderen wurde frühzeitig in Thüringen schon wegen seiner geographischen Nähe der BLLV aktiv.

Gewerkschaftliche Transformation 1989/90:
Auf der ao. ZDK am 24./25.2.1990 in Bernau erklärte sich die Gewerkschaft zur unabhängigen Organisation, die unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit im Gewerkschaftlichen Dachverband mitarbeitete. Sie beschloss die vorläufige Satzung sowie ein umfassendes Aktionsprogramm und wählte den Vorstand. Die Gewerkschaft strebte eine Kooperationsgemeinschaft mit den Gewerkschaften des DGB an. Die Konkurrenz zwischen GEW und ÖTV um die Gewinnung der Mitglieder verhinderte eine eindeutige Option auf eine DGB-Gewerkschaft und damit eine Intensivierung der Zusammenarbeit. Sowohl die GEW als auch die ÖTV entschieden sich im Mai 1990 für den Aufbau eigener Strukturen in der DDR.
Auf der Landeskonferenz am 20.10.1990 beschloss die Gewerkschaft ihre Auflösung zum 31.10.1990. Es gab keine eindeutige Option für den Übertritt der Mitglieder in eine DGB-Gewerkschaft. Nach Angaben der GEW waren ihr bereits bis zum Auflösungskongress 70 000 Mitglieder der Gew. U.u.E. beigetreten.
Das gewerkschaftliche Vermögen wurde durch die Liquidatoren der Gew. U.u.E. verwaltet und vor allem für die Fort- und Weiterbildung der Lehrer und Erzieher in den neuen Bundesländern eingesetzt. Die vom Auflösungskongress beschlossene Stiftung "Bildung-Erziehung" kam nicht zustande, da das Stiftungsvermögen von der Treuhandanstalt nicht freigegeben wurde. Das Restvermögen der Gew. U.u.E. i. L. soll daher dem unabhängigen Förderverein "Initiative Bildung e. V." übertragen werden, der bereits seit der Auflösung der Gew. für seine gemeinnützigen Zwecke gefördert werden, die im Wesentlichen denen der geplanten Stiftung entsprechen. Die von der Landeskonferenz beschlossene Bewirtschaftung einer Reihe von Immobilien durch die am 18.9.1990 gegründete GUE Ferieneinrichtungen GmbH wurde ihr ebenfalls von der Treuhandanstalt entzogen. Die GmbH
ging darauf in Liquidation, wurde als INIB Gesellschaft für Bildungsmanagement und berufsbegleitende Fortbildung mbH als Bildungsträgen neu aufgebaut, konnte aber keine Wirtschaftlichkeit erreichen und wurde vermögenslos an private Investoren verkauft.
 
Gewerkschaft Unterricht und Erziehung GUE (1946-90).
Organisationsbereich: Beschäftigte in Schulen, Kindergärten, Jugendeinrichtungen, pädagog. Ausbildungseinrichtungen.
Organisationsentwicklung: Die Gewerkschaft wurde als Gew. der Lehrer und Erzieher mit der ZDK vom 13./14.6.1946 in Berlin-Köpenick die Gew. 18 im FDGB der SBZ. Sie hatte im Juni 1946 44 392 Mitglieder (1,6% der Mitgliedschaft des FDGB).
Entsprechend dem Beschluss der ao. ZDK vom 6./7.2.1951 wurde sie im Juli 1951 in Gew. U.u.E. umbenannt. Die Gewerkschaft bildete GO in den größeren pädagog. Einrichtungen sowie BGL in den Kreisen für die Beschäftigten der Schulen und Kindergärten und verzichtete zunächst auf die Einrichtung von KV. Erst in den 80er Jahren wurden die BGL in den Kreisen zu KV umgebildet. Die Gewerkschaft gehörte der Internationalen Vereinigung der Gewerkschaften der Lehrer und Erzieher (FISE) im WGB mit Sitz in Berlin an.
Im Jan. 1989 hatte die Gewerkschaft 574 913 Mitgl. (6% der Mitgliedschaft des FDGB).
 
Quelle: FDGB-Lexikon 2009

 

Zunächst muss etwas gesagt werden zur völligen Unkenntnis über die bundesdeutsche Verbandslandschaft im Bereich der Lehrervertretungen. Sowohl die Vielfalt der Strukturen, die Bedeutung der Verbände, ihre Zuordnung waren gänzlich unbekannt. Umso leichteres Spiel hatten die westdeutschen Verbände auf ihrer neuen Spielwiese.

Der BLLV (Bayrischer Lehrerinnen und Lehrer Verband) hatte nicht nur den Vorteil, gleich hinter der offenen Grenze wirksam werden zu können, er hatte dazu auch noch sehr engagierte Mitglieder, der   pensionierte StR Habermann, oberfränkischer Bezirks-Ehrenvorsitzender und BLLV-Landesbeauftragter für Kontakte in der DDR wurde direkt vom Verband für Aufgaben abgestellt und versah seinen Auftrag im Süden Thüringens bis hinauf nach Jena mit enormer Energie. Keine Veranstaltung des BLLV – und später gemeinsam mit dem TLV – auf der Siegfried Habermann fehlte und nicht im Präsidium saß.

Dass der BLLV ein Landesverband des VBE (Verband Bildung und Erziehung) ist, der an sich bundesweit die Lehrerinnen und Lehrer an der Primar- und Sekundarstufe I vertritt, war uns nicht bekannt. Er gab sich als „Verband für alle Lehrer“ aus und hatte auch einen schönen Aufkleber fürs Auto mit (mit dem ich dann auch gutgläubig an meinem Trabbi Werbung fuhr).

Nach unserem 40 Jahre lang erworbenen Verständnis von der Einheitsgewerkschaft für alle war das plausibel. Mit starker Unterstützung des BLLV wurde dann auch am 19.Mai 1990 in Erfurt der TLV (Thüringer Lehrerverband) gegründet, nach dem beispielsweise in Rudolstadt (vor Saalfeld) und Saalfeld (3. Februar 1990) Gründungsversammlungen vorausgegangen waren. Der TLV sollte für alle offen sein, „für alle Lehrer“ hieß es und alle, alle kamen! „Gemeinsam sind wir stark!“ war damals der zugkräftige Slogan, genährt auch durch die Furcht vieler, die nicht wussten, was auf uns zukommt.

Nun sind diese Kolleginnen und Kollegen Berufspädagogen meist heute noch dort, entweder haben sie ihren Irrtum nicht bemerkt oder sie fühlen sich trotzdem gut aufgehoben, aus welchen Gründen auch immer.

Die GEW brauchte sich für die Mitgliedergewinnung nicht allzu viel Mühe zu geben: Sie übernahm die GUE-Mitglieder zu Tausenden, da wurde nicht gefackelt trotz Widerständen der GUE, die dann bis zum Herbst 1990 70.000 ihrer Mitglieder verloren hatte, so dass sie aufgeben musste.

Die GEW ist die größte Bildungsgewerkschaft Deutschlands, der Ende 2008 rund 252.000 Mitglieder angehörten. Diese arbeiten in pädagogischen und wissenschaftlichen Berufen an Schulen unterschiedlicher Schulart, in Kindertagesstätten und Jugendheimen, an Hochschulen, wissenschaftlichen Instituten und Forschungseinrichtungen, an Volkshochschulen und anderen Einrichtungen der Weiterbildung sowie an Goethe-Instituten. In der Schule liegt der Schwerpunkt der Mitglieder an Grund-, Haupt- und Gesamtschulen, in den ostdeutschen Ländern auch an Gymnasien. (Wikipedia)
 
1990 gehörten der GEW rund 189.000 Mitglieder an. Die Mitglieder der Gewerkschaften der DDR "Unterricht und Erziehung" sowie "Wissenschaft" im FDGB wurden zum großen Teil in die GEW aufgenommen, so dass die Mitgliederzahl kurzfristig stark anstieg. Die GEW gilt seither als stark ostdeutsch orientierte Gewerkschaft, was sich 1997 in der Wahl von Eva-Maria Stange zur Bundesvorsitzenden niederschlug. Sie war die erste Ostdeutsche an der Spitze einer DGB-Gewerkschaft.

 

Wie wir sehen, die Voraussetzungen für die GEW waren denkbar günstig, sie hatte hauptamtliche Funktionäre, die finanziellen Mittel aus den westdeutschen Dachverbänden und der GEW-West, sowie aus der Verwendung des Vermögens der GUE.

Neue Erkenntnisse

Im Heft 3-4 des „vlb-akzente“  2010 erschien von Peter Thiel ein Artikel: „Gesamtdeutsche Lehrerbegegnung im Zeichen der Wende“. Für  mich war neu, was hier bekannt wurde:

*** Zitatanfang ***

Der VBB lud ein

Der VBB – eine der drei Vorläuferorganisationen des heutigen VLB – hatte das Treffen organisiert und ca. 30 Kolleginnen und Kollegen aus den neuen Bundesländern Sachsen und Thüringen in die Itzgrundgemeinde Großheirath bei Coburg eingeladen. Die Euphorie der ersten Wendephase hatte sich bereits gelegt und auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“ begann man das Thema „Wiedervereinigung“ eher pragmatisch zu betrachten.

Persönliche Erinnerungen

Großheirath ist mir auch deshalb so sehr in Erinnerung, weil ich dabei eine persönliche Beziehung anknüpfen konnte, die bis heute Bestand hat. Unter den DDR-lern nämlich befand sich auch ein Kollege Klaus Albrecht, damals Direktor der Betriebsberufsschule des Karl-Marx-Werkes in Pößneck. Die Großdruckerei war spezialisiert auf die Herstellung von Belletristik und Schulbücher, letztere auch für die Sowjetunion. Die dazugehörige Schule galt als eine der ersten DDR-Adressen, was die Ausbildung in den Druckberufen betraf. Auch ich stamme ja aus der Druckbranche und so hatten wir uns von Anfang an viel zu sagen. Kollege Albrecht und ich, zunächst rein fachlich, dann aber auch sehr rasch darüber hinaus. Visitenkarten wurden ausgetauscht, Einladungen an die Schulen ausgesprochen und diesen folgten in den Monaten nach dem Treffen gegenseitige Besuche, was freilich bei den Vertretern der anderen in Großheirath vertretenen Fachrichtungen ähnlich ablief. Wie dem auch sei: Über die seitdem vergangenen 20 Jahre hinweg verloren wir uns  nicht mehr aus den Augen, Klaus Albrecht und ich.

Den „Klassenfeind in wohltuender Sachlichkeit erlebt“

Heute verbringt Albrecht seinen Ruhestand in der Nähe von Würzburg. Unlängst erst plauderten wir mal wieder über jene wegweisende Veranstaltung in Großheirath, von der er nach wie vor angetan ist: „In der für uns Ossis so verwirrenden Situation der Wende und den damit verbundenen Unsicherheiten waren uns die Kontakte mit dem VBB eine große Hilfe“, sagt er. „Das Treffen ermöglichte uns in vieler Hinsicht Rückhalt und vermittelte uns wertvolle Informationen und gab neue Denkanstöße. Auch wenn ich nicht für alle Teilnehmer sprechen kann, behaupte ich: Wir griffen das Angebot des VBB – das erste dieser Art seit dem Mauerfall – dankbar auf. Den „Klassenfeind“ erlebten wir in einer wohltuenden Sachlichkeit und Hilfsbereitschaft und weit entfernt von jedweder Überheblichkeit, wie wir es aus unserer DDR-Sicht erwartet hätten. Diesbezügliche Vorbehalte jedenfalls waren bereits am ersten Abend verflogen“. Soweit Originalton Albrecht.

Zwei Möglichkeiten der Interessenvertretung

Der Einladung des VBB folgten die Kolleginnen und Kollegen aus der südlichen DDR gern, um das Berufsbildungssystem der Bundesrepublik kennen zu lernen, vor allem aber um sich ganz konkret über die Arbeit einer Lehrer-Interessenvertretung zu informieren. Verbandspluralismus und Lobbyismus, das waren immerhin Fremdworte in der zentralistisch organisierten DDR.
„Der VBB wollte den in der Verbandsarbeit noch unerfahrenen Kolleginnen und Kollegen u.a. eine erste Hilfestellung geben“, erklärte Othmar Doleschal, damals VBB-Vorsitzender, in einer Pressemitteilung zu der Runde. Doleschal wies aber noch auf einen weiteren Effekt der Veranstaltung hin: „Auch wir vom VBB waren für Anregungen dankbar, denn gerade die Berufsschullehrer hatten n der DDR respekable Ausbildungsleistungen vorzuweisen“.
Für die sächsischen und thüringischen Kolleginnen und Kollegen standen zwei Möglichkeiten der Interessenvertretung zur Diskussion: Entweder den Anschluss an einen großen Gesamtlehrerverband oder die Gründung spezieller Berufsschullehrer-Fachverbände nach dem Modell des VBB. Die meinungen dazu gingen auseinander; Während die einen am liebsten gleich an Ort und Stelle mit der Gründung eines Fachverbandes begonnen hätten, rieten andere dazu, erst mal abzuwarten, wie sich alles entwickeln würde unter den aktuellen Gegebenheiten. Ein Verband jedenfalls wurde in Großheirath nicht aus der Taufe gehoben.

Bekenntnisse zu Beamtentum, gegliedertem Schulwesen und Kulturföderalismus

Bei der Vorstellung des VBB zeichnete Othmar Doleschal das Bild einer zwar kleinen, im Gefüge der bundesdeutschen Verbände-Landschaft jedoch sehr erfolgreiche Standesorganisation. Mit Augenmaß habe der VBB – zusammen mit anderen Zuständigen – die Berufsschule aus ihrem einstigen Schattendasein herausgeführt und die berufliche Bildung zu einer echten Alternative gemacht, erklärte er. Nachdrücklich bekannte sich Doleschal sowohl zum Beamtenstatus der Lehrer als auch zum gegliederten Schulwesen und zum Kulturföderalismus. „Gerade die bunte Vielfalt im Bildungswesen ist es, welche die Leistungsfähigkeit fördert“, sagte Doleschal u.a. im Hinblick auf das sich abzeichnende Europa.

Vier VBB-Experten im Einsatz

Dem Informationsbedürfnis der Gäste gemäß versuchte ein Expertenteam des VBB Schwerpunkte zu setzen. Christa Bayer, seinerzeit stellvertretende Landesvorsitzende, stellte das allgemeine Schulwesen der Bundesrepublik vor, Hermann Sauerwein, ebenfalls Stellvertreter Doleschals, informierte über das geltende Beamtenrecht, Alfons Ziller sprach über die Arbeit der Personalvertretung und Dietmar Leischner skizzierte das Profil der beruflichen Schulen Bayerns.

Stolz auf die Möglichkeit der Doppelqualifikation

Bei der Aussprache wurde deutlich, dass es auch in der DDR ein bildungspolitisches Konzept gab, von dem so manches sich weiter zu verfolgen lohne, wie die Gäste meinten. „Neben einer effektiven, stark praxisorientierten zweijährigen Berufs-ausbildung und einer in den Betriebsschulen permanent durchgeführten Fortbildung Älterer Arbeitnehmer betrachten wir unsere dreijährige erweiterte Oberschule mit Doppelqualifikation (Abitur mit Berufsausbildung) beispielsweise als durchaus erhaltenswert“, meinten sie. Für den Herbst des Jahres 1990 zeichne sich im Übrigen eine erste Bildungsreform ab, durch die regionale Besonderheiten stärker berücksichtigt werden sollten, berichteten die Gäste.

Wie mit dem Feindbild fertig werden?

Mit ihren Sorgen und Nöten hielten die Kolleginnen und Kollegen von „drüben“ nicht hinterm Berg, dazu waren sie ja auch nach Großheirath gekommen. Eine Schlüsselfrage, die alle bewegte, lautete: “Welche Chancen haben unsere Schulen im bundesdeutschen System?“ Daraus ergebe sich die Suche nach einer zeitgemäßen Struktur sowie nach Fördermitteln, Partnern und Sponsoren.
„Wie sicher ist unser Job künftig?“ fragten sie weiterhin, die Gäste, und äußerten die Befürchtung, dass unter dem Konkurrenzdruck der Betriebe die Zahl der Auszubildenden sinke und entsprechende Einrichtungen dem Rotstift zum Opfer fallen könnten. Auch Fragen zur Ideologie und zum „Feinbild BRD“ kamen zur Sprache: „Wie können wir uns von dem lösen, mit dem wir jahrzehntelang leben mussten? Und wie die von der SED geschaffenen zentralistischen Strukturen überwinden?“ Fragen, die durch den VBB freilich nicht zufrieden stellend beantwortet werden konnten.
Und weiter gings im Text: Welche Zukunftschancen haben Lehrkräfte mit der Fächerverbindung ML (Marxismus-Leninismus) und Russisch, wo gerade Englisch der große Renner ist? Wie kommt man an ideologiefreie Geschichtsbücher? Eine Kollegin aus Dresden dazu: „Momentan halte ich mich mit Schülerreferaten zum Altertum über Wasser. Das ist ideologisch unverfänglich“. Genug der Beispiele. Erfasst ist damit die gesamte Problematik freilich nicht.

Der VBB bot Hilfe an

Als sie den Heimweg von Großheirath antraten, die Kolleginnen und Kollegen aus Sachsen und Thüringen, hatten sie eine Reihe von Zusagen zur künftigen Kooperation im Marschgepäck: Der VBB bot an, den Dialog fortzusetzen, Patenschaften für entsprechende Verbandsgründungen zu übernehmen, sächliche Hilfen im Rahmen seiner Möglichkeiten zu leisten, sich für die Einbindung der Kolleginnen und Kollegen in die zentrale und regionale Fortbildung einzusetzen, Referenten für die verbandliche Aufbauarbeit abzustellen, den DDR-lern in der Verbandszeitschrift „VBB-aktuell“ zur Darstellung ihrer AnliegenPlatz einzuräumen und ein gewisses Kontingent der VBB-Postille regelmäßig bereit zu stellen.

Rahmenprogramm

Im Rahmenprogramm gab es einen besuch der damals noch fast neuen staatlichen Coburger Berufsschule auf dem Plattenäcker sowie eine Stadtführung durch die charmante Oberfrankenidylle. Diese präsentierte sich in frühlingshaftem Flair, mit viel Sonne und blauem Himmel, was der Atmosphäre der deutsch-deutschen Begegnung natürlich bekam. Auch damals schon zog Klaus Albrecht, zusammen mit anderen, eine positive Bilanz über das Wochenende und blickte voll Optimismus in die Zukunft. „Für mich haben sich ganz neue Perspektiven ergeben. Ich werde sobald wie möglich wiederkommen und mir vor allem Ausbildungsstätten der Drucktechnik ansehen“, erklärte er, als er sich als Beifahrer eines Kollegen in dessen Wartburg schwang, um ins heimatliche Pößneck zurück zu kehren.“

*** Zitatende ***

Vor der Veranstaltung in Großheirath soll bereits Ende 1989 auf Schloss Eichicht bei Kamsdorf ein Treffen zwischen thüringischen und bayrischen Berufspädagogen statt gefunden haben. Es ist jedoch verwunderlich, dass von diesen Kontakten praktisch keine Impulse nach dem Norden ausstrahlten oder auch die Verbandsgründung eben dort in den südlichen Regionen sich vollzog.

Im Februar 1990 wurde unser Verband „gezeugt“. Ein reiner Zufall. In Person von StR Hubert Lampe, der in Mainz unterrichtete. Hubert Lampe war Kollege unserer Schule und verließ die DDR über Wien, wenige Wochen nach seinem Studienabschluss oder nach der Aufnahme seiner Lehrtätigkeit bei uns: Er sollte sofort seinen NVA-Dienst nachholen, und das wollte er keinesfalls. Sein Schulleiter in Mainz war Alfons Müller, der dann Abteilungsleiter für berufliche Bildung im Thüringer Kultusministerium wurde.
 
Ob nicht Kollege Lampe einen Berufspädagogen in Thüringen kenne, den man in eines der vom DL-Präsidenten Josef Kraus (DL = Deutscher Lehrerverband) initiierte Seminar für ostdeutsche Lehrerinnen und Lehrer in München einladen könne.
 
Und Hubert Lampe fand in seinen Unterlagen aus alter Zeit die Anschrift eines Kollegen unserer Schule: Klaus Hauptmann. Der war o.k., das wusste er.
 
Doch wie das Schicksal so spielt: Koll. Hauptmann war gerade zu dieser Zeit zur Herzkur in Bad Liebenstein. Seine Frau öffnete den Einladungsbrief und setzte sich mit ihrem Mann in Verbindung. Der verwies an mich, ich war ein Kommilitone von Klaus. Ich solle doch bitte die Einladung wahrnehmen.
 
Doch nun bestand das Problem darin, dass der DL die Seminare in den Schulferien der DDR angesetzt hatte, aber unberücksichtigt ließ, dass die Berufsschulen eine Woche weniger Ferien hatten. Ich brauchte also die Freistellung meiner Schulleitung, und die bekam ich nicht.
 
Mein Schulleiter war nicht erreichbar – er hätte mich sowieso nicht zum Klassenfeind fahren lassen. Mein Abteilungsleiter drehte und wendete den Brief hin und her, er kannte eigenartigerweise den Inhalt schon, und für ihn war nur interessant, woher der Absender die Anschrift des Klaus Hauptmann habe. Gab es da vielleicht schon über längere Zeit konspirative Verbindungen von denen man nichts wusste? Ein halbes Jahr früher wäre es ein Fall für die Stasi gewesen.
 
Der stellvertretende Schulleiter schließlich schob mich mit fadenscheinigen Begründungen aus der Tür. Ich wendete mich an den Parteisekretär mit der Bitte um Unterstützung. Aber auch der eierte herum, was ja auch nicht anders zu erwarten war.
 
Auf meine bedauernde Absage an die Einladenden kam das Angebot nach dem Motto: „Wenn ihr nicht zu uns kommen dürft, kommen wir eben zu euch“. Zwei Mitglieder des DL boten sich an, mir einen Besuch in der besagten Februarwoche abzustatten und vielleicht unsererseits noch einige Berufspädagogen hinzuzuziehen.
 
Die beiden Herren vom DPhV Westfalen fuhren zum gegebenen Termin mit ihrem VW-Campingbus vor, von unserer Seite waren die Kollegen Hauptmann, Sömmering, Helms und ich zugegen. Bei Kaffee und Kuchen diskutierten wir am „runden Tisch“ meines Wohnzimmers, und ich erinnere mich vor allem noch der abschließenden Worte der Herren Silbernagel[1] und Steuwe: „Sie müssen einen Berufsverband gründen, der ihre Interessen vertritt. Fangen Sie einfach damit an. Zuerst regional, woanders bilden sich sicher ähnliche Zellen, die dann zusammenwachsen.“
 
Die Herausforderung schien uns zu groß. Kann denn jeder eine Gewerkschaft gründen? Noch lebten wir ja in der NDDR. An einen Rückfall in die alten Strukturen und Bedingungen der Ex-DDR glaubten wir zwar nicht, aber immer noch schwafelten unsere staatlichen Leiter vom Klassenfeind, dem sie sich niemals ausliefern werden und immer noch gab es das Büro des Parteisekretärs an der Schule mit dem großen SED-Enblem an der Tür, die Allmacht der Partei dokumentierend.
 
Uns wurde erst später bewusst, als wir die Verbandslandschaft besser durchschauten, dass hier zwei Philologen, also keine Berufspädagogen, uns zu unserer eigenen Verbandsgründung animierten. Sie waren ja ebenso im DL wie der BLBS und von daher im selben Boot und für die Verbandsarbeit engagiert. Es war eine neue Erfahrung nach den fortwährenden Querelen und Kleinkriegen unter den anderen Verbänden und Gewerkschaften.
 
Die weiteren strategischen Überlegungen führten dazu, die regionale Ausdehnung der Ansprache der Kollegen auf Jena, Hermsdorf, Stadtroda, Eisenberg und Kahla zu beschränken. Vielleicht wäre es richtig gewesen, Rudolstadt und Weimar einzubeziehen um nicht ein eventuelles Vakuum entstehen zu lassen, aber wir konnten uns nicht überfordern. Man muss bedenken, wie schwierig es war, mit eigenen Mitteln die erste Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Die Einladungen mussten vervielfältigt werden und die möglichst für jeden persönlich, da die Konkurrenten GEW und GUE – und die wiederum gegenseitig – Aushänge von anderen Verbänden entfernen ließen, ja sogar mit Einschüchterungsversuchen ihre Mitglieder von Interessenskontakten abzuhalten versuchten.
 
Es gab weder PC noch Drucker, es musste die private mechanische Schreibmaschine herhalten und 200 Blatt Schreibmaschinen-papier waren ein Schatz, welcher der Schulsekretärin abgebettelt wurde. Ich fragte in den Abiturklassen nach, ob ein Elternteil vielleicht in einer Joint-Venture-Firma arbeitete, denn die verfügten als erste und am ehesten über ein Kopiergerät. „Ja, bei meinem Vater ließe sich das machen, aber sie müssen Papier mitbringen.“ Das „Toshiba“ verarbeitete ohne Probleme das DDR-Schreibmaschinenpapier!
 
Die Aula der J. R. Becher-Oberschule wurde als Versammlungsraum geordert. Am 26. März 1990 fand die erste Informationsveranstaltung eines als „Vorläufigen Interessenverband der Lehrer an beruflichen Schulen“ benannten Zusammenschlusses statt.
 
Um diese Zeit gab es ein irrendes Suchen nach der richtigen Organisation. Bereits Ende Januar führte der TLV (im VBE) ebenfalls in dieser Aula eine abendliche Veranstaltung für alle Pädagogen Jenas und Umgebung durch, auf dem Podium saßen auch der bereits erwähnte Kronacher StR Siegfried Habermann sowie aus dem geschäftsführenden Vorstand der GEW Heinz Putzhammer. Es war eine für uns damals noch nicht erkennbare Veranstaltung gegen schulart- bzw. schulformbezogene[2] Lehrerverbände innerhalb des dbb. Beide im Präsidium sitzenden warben für Lehrerverbände für alle Pädagogen. Es gingen Listen herum – man solle sein Interesse an einer Mitgliedschaft im TLV bekunden. Ich gebe unumwunden zu, dass ich immer noch keine gefestigte Meinung hatte, vielleicht wollte ich mich auch einfach nur der Last entledigen, selbst einen Verband zu gründen. Ich hatte den Stift schon in der Hand, aber dann hörte ich auf meinen Nachbarn, ebenfalls ein Berufspädagoge: „Lass das sein, das ist nicht das Richtige für uns.“ Wie Recht er hatte.
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[1] Peter Silbernagel ist heute Vorsitzender des PhV NW
[2] Die Begriffe Schulform und Schulart werden in den Bundesländern diametral verwendet. In Thüringen sind Schularten: Grund-, Regelschulen, Gymnasien, berufliche Schulen